Seligkeitsdinge

 

Kunst ermöglicht es uns Menschen, das Wesen, die "Seele" der Dinge zu erkennen - also selbst das, was nicht sichtbar ist.
Wahre Kunst wirkt wiederum in die Tiefe der menschlichen Seele hinein

Im Spätherbst 2006 habe ich hier in der Puppenwiege ein kleines "Lädele" eingerichtet mit Kostbarkeiten, die ich persönlich sehr wertschätze. Ich möchte die Kostbarkeiten, die hier zu finden sind unter dem Begriff Seligkeitsdinge einbetten.
Wenn Du Dich schon ein wenig in der Puppenwiege umgesehen hast, so weißt Du sicher, wie gerne ich Astrid Lindgrens Geschichten mag. In diesen ist auch von Seligkeitsdingen die Rede. Astrid Lindgren lässt ihre eigenen Kindheitserinnerungen auch in Maditas Geschichten wieder aufleben. Madita lässt sie erzählen, was für sie selbst früher einmal ein Seligkeitsding war, nämlich solche Geschenke, die mitten ins Herz treffen und die Seele berühren.

Ich weiß, wie mühsam es oft ist, für seine Liebsten ein solches Seligkeitsding zu finden, das nicht nur Freude bereitet, sondern wirklich auch unser Herz anspricht, ja, vielleicht auch später noch schöne Erinnerungen in uns wachruft..

Hier bei den Seligkeitsdingen findest Du Kostbarkeiten, die man so nicht immer und überall finden kann. Ich denke all diese Seligkeitsdinge sind mit Kunst verbunden, jedes auf seine Weise.
Was mir wichtig war bei der Auswahl ist, dass diese Kostbarkeiten aus natürlichen Materialien sind und zumindest zum Teil handwerklich entstehen. Handwerk - das geht heute viel zu schnell verloren, verliert an Bedeutung, schade....
Ich habe hier Kostbarkeiten ausgewählt, die wir selbst bei uns zu Hause haben und sehr zu schätzen gerlernt haben.
Schätzen lernen - das ist etwas, was geraade heute ganz, ganz wichtig ist. Etwas schätzen lernen, etwas behüten und bewahren, achten, nicht alles als selbstverständlich hinnehmen.
Kinder (wir alle) leben heute oft im Überfluss und nehmen kleine Dinge, kostbare Dinge oftmals gar nicht mehr wahr. Wo unendlich viele Dinge nach Aufmerksamkeit schreien, bleibt der Blick auf das Wesentliche verborgen. Vieles ist schnell ersetzbar, man verbindet sich heute nur noch wenig mit dem, was um einen herum geschieht und ist.
Kinder werden so zur Oberflächlichkeit erzogen.
Ich versuche meinen Kinder etwas anderes vorzuleben. Dazu gehören Achtung und Wertschätzung ....

Ich kann das am Beispiel unseres Geschirrs ein wenig näher erklären. Ganz früh schon habe ich damit begonnen, unser Geschirr in einer Töpferei zu kaufen. Ich mag es zu wissen, dass dieser Teller vor mir, die Schale, der Becher, der Krug - all das hat jemand mit seinen Händen gemacht hat - für uns. Jemand hat sich die Mühe gemacht und etwas Kostbares geschaffen, etwas woraus wir essen und trinken dürfen, etwas, was uns gefällt, was zudem die Sinne pflegt und unsere Wertschätzung verdient.

Als mein erstes Kind in den Waldorfkindergarten gekommen ist, da gab es zunächst Geschirr Kunststoff. Dabei muss ich erwähnen, dass unser Waldorfkindergarten anfangs in "unbewohnten" Räumen eines städtischen Kindergartens untergebracht war, bevor wir in ein eigenes Häuschen umziehen konnten. Wir bekamenKindergeschirrüberlassen, welches es dort eben so gab. Die Eltern und die Kindergärtnerin entschieden sich aber schon bald, "echtes" Geschirr für unsere Waldorfkindergartengruppe zu besorgen. Kunstoffgeschirr- das ist etwas, was Kinder täuscht und ihnen keine Wahrhaftigkeit erlebbar machen kann. Der Umgang richtet sich danach, was uns das Material bietet. Fällt ein Teller aus Plastik zu Boden, so geht er nicht kaputt. Folglich muss man auch nicht behutsam sein, man kann die Teller einfach über den Tisch schieben u.ä. Wie soll ein Kind jedoch lernen achtsam mit den Dingen umzugehen, wenn es kaum erforderlich ist, achtsam zu sein? Und wenn man ehrlich ist, dann ist ein mit Kunststoffgeschirr gedeckter Tisch nicht gerade eine Augenweide.
Der Kindergarten, bzw. die Elternschaft hat damals dann in einer Töpferei Geschirr bestellt - Schüsselchen, Becher, Krüge...jede Familie hat damals 70 DM bezahlt (gespendet!!!), um zusammen für die Kindergartengruppe dieses Geschirr zu kaufen. Das war es uns wert, für unsere Kinder!
An anderer Stelle (Lesenswertes) habe ich bereits schon einmal erwähnt: Kinder wollen die wahren Eigenschaften der Dinge um sie herum erleben. Ist es dann richtig, den Kindern Geschirr in die Hand zu geben, das nicht kaputt gehen kann?
Auch zu Hause bei uns gab und gibt es, wie ich schon erwähnte, nur Töpfergeschirr. Natürlich ist es preislich nicht gerade das, was man sich einfach mal schnell mitnimmt. Wir haben uns daher auch nach und nach dieses besondere Geschirr angeschafft, unser altes Porzellangeschirr mit der Zeit ausgetauscht - zum Geburtstag wünsche ich mir nach wie vor gerne etwas aus meiner Lieblingstöpferei - auch meine Kinder bekommen zu ihrem Geburtstag mal eine besondere Tasse oder einen schönen Teller dazu und freuen sich später gewiss noch einmal darüber, wenn sie etwas aus ihrer Kindheit mitnehmen dürfen - Erinnerungen.

Die Kinder lernen durch unser Vorbild, wie man mit Geschirr (und anderen Dingen) umgeht. Die Kinder erfahren selbst was geschieht, wenn ein Teller zu Boden fällt oder ein Becher zu sehr an die Tischkante stößt - das Geschirr kann zerbrechen, kleine Teile können absplittern, wir reagieren betroffen, denn uns liegt etwas an dem Geschirr. Wenn etwas kaputt geht, dann kann man es nicht einfach schnell wieder ersetzen. Man muss den Töpfer darum bitten, wieder einen neuen Teller zu drehen und zu bemalen und man muss meist sogar ein Weilchen darauf warten. Weil man all dies weiß, geht man denke ich anders mit den Dingen um.

Ja - man lernt das zu schätzen, was ein anderer Mensch mit seinen Händen geschaffen hat, bewundert es und geht sicherlich sorgsamer damit um.
Unsere Kinder bekamen nie Plastikgeschirr auf den Tisch - das hat für mich neben all den aufgeführten Gründen auch einen ästhetischen Aspekt. Unser Tisch soll ansprechend aussehen, er soll uns Freude bereiten und unser gemeinsames Beisammensein verschönern und bereichern. Für mich ist ein hübsch gedeckter Tisch eine Augenweide. Zusammen mit frischen Blumen im Sommer oder einigen Kastanien und buntem Laub im Herbst hat der gedeckte Tisch viel mehr Bedeutung als nur der Nahrungsaufnahme dienlich zu sein. Eins greift ins andere, alles verbindet sich miteinander - Essen, Ästhetik, Gesellschaft, Tischsitten, Tischkultur, Gemütlichkeit, Wahrnehmung, Sinnespflege....
Kinder nehmen so viel auf - gute Gewohnheiten bei ihnen anlegen, das ist unschätzbar wichtig. Früh genug angelegt bleiben sie dauerhaft erhalten.
Bei uns ist im Laufe der Zeit natürlich auch Geschirr kaputt gegangen, aber wirklich selten. Und wenn einmal etwas kaputt gegangen ist, aus Versehen oder auch, weil man doch zu unachtsam war, so nahm man es nicht einfach ohne weiteres hin, spürte ehrliche Betroffenheit. Ich erinnere mich z.B. daran, als die rote Herztasse meiner Tochter zu Boden fiel und in viele Stücke zerbrach. Noëlle versuchte sofort alle Teile zusammen zu suchen und hoffte, dass man das wieder kleben konnte. Das war leider nicht möglich. Es war ihr "sehr arg" und sie bat darum, wieder eine solche Tasse zu bekommen, zum Geburtstag vielleicht oder zu Weihnachten. Die Tasse war von einer Töpferin, die einmal auf einem Weihnachtsmarkt einen Stand hatte. Noëlle wusste, dass wir den nächsten Weihnachtsmarkt abwarten mussten. Leider gab es dann diesen Stand nicht mehr auf dem Markt und so konnten wir keine solche Tasse mehr kaufen. Noëlle ist bis heute sehr traurig darüber.
Ähnliche Erlebnisse und Erfahrungen verdeutlichen uns, dass man wirklich behutsam sein muss mit den Dingen um uns herum - und das gilt nicht nur für Geschirr. Man kann eben nicht immer alles wieder ersetzen. Es gibt Dinge, die sind einmalig, die wachsen einem ans Herz (was für ein treffender Ausdruck), es gibt Dinge, die man schätzen lernen darf und das ist gut so.

Mir ist wichtig, dass meine Familie mit vielen solchen Dingen in Berührung kommt, die mitten ins Herz treffen

Es ist mir ein Anliegen, meinen Kindern zunächst einmal überhaupt zu ermöglichen, Kostbarkeiten überhaupt schätzen zulernen. Diese Gabe ist nicht selbstverständlich, sondern muss mit Bedacht angelegt und gepflegt werden.
Kinder sind ja zunächst ganz offen und empfänglich für alles. Wir dürfen sie einladen, eineschöneWelt kennenzulernen, wir dürfen Kinder einladen, Kunst und Ästhetik zu erleben, wir dürfen sie einladen, Handwerk zu schätzen und mit unserer Wertschätzung dieses auch weiterhin "am Leben zu halten", Handwerk zu bewahren.

Die Seele eines Kindes, eines jeden Menschen bildet sich mit an seinerHülle(mehr dazu bei Lesenswertes), also an dem, womit ein Mensch umgeben ist, was um uns herum geschieht, mit welchen Menschen wir verbunden sind.
Mit Bedacht sollten wir daher die Dinge auswählen, mit denen wir unsere Kinder umgeben (nicht nur im materiellen Sinn, auch auf der seelischen Ebene).
Ich möchte gerne, dass meine Kinder mit möglichst vielen schönen Dingen in Berührung kommen, auf vielfältige Weise ihre Sinne pflegen können und auch Achtung denen gegenüber entwickeln, die all diese Kostbarkeiten mit viel Liebe, Mühe und Geschick herstellen.

Nun lade ich Dich ein auf einen Spaziergang - schau Dich gerne um bei den Seligkeitsdingen aus Ton, Wolle, Holz & Liebe

 


Ein Baum braucht, um Früchte zu tragen
Luft, gute Erde, Sonne und Wasser.
Ein menschliches Wesen benötigt,
um sich zu öffnen und zu entfalten
Nahrung, Schutz und ein offenes Herz,
welches ihm Liebe gibt,
und einen anderen Menschen,
welcher ihm hilft zu wachsen.

Ute Craemer